Buddha sprach zu zwölftausend Mönchen. Aber er sprach nicht. Er schwieg. Er hielt nur eine Blume empor. Alle Mönche waren sehr ernst. Nur einer lächelte. Dieser Mönch hiess Mahakashyapa. Buddha: "Ich habe einen Schatz der Einsicht und ich habe ihn Mahakashyapa übergeben."
Wenn der Buddha dir eine Blume zeigt, will er, dass du sie siehst. Wenn du - wie all diese Mönche - angestrengt nachdenkst, entgeht dir die Blume. Der eine, der nicht dachte, der einfach er selbst war - Mahakashyapa - konnte der Blume in der Tiefe begegnen. Deshalb lächelte er. Und deshalb lächelte Buddha. Zwei von Zwölftausend lächelten.
Der eine Mönch, der die Botschaft Buddhas verstanden hatte, hatte die Blume gefühlt.
Wahrnehmung - Fühlen
"Wahrnehmung geschieht über die Sinne, ohne Einmischung des Verstandes", habe ich am Anfang meines 3. Qi Gong Newsletters geschrieben. Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken - die 5 Sinne unseres Körpers. Der Verstand nimmt nicht wahr - er kommentiert. Er setzt unserer Wahrnehmung Filter auf. Vielleicht hast du ja inzwischen mal ein bisschen ausprobiert und bemerkt, dass Menschen, Tiere, Pflanzen, Dinge und Situationen sich zu verändern scheinen, je nachdem, welchen Filter du grade drauf hast. Je nachdem, welchen Filter du zwischen dich und das Wahrgenommene geschoben hast.
Mit deinen Sinnen kannst du deine Welt relativ neutral wahrnehmen, wenn du auf Kommentare, Interpretationen, Bewertungen usw. verzichtest. Eines jedoch bleibt bei der Wahrnehmung über die 5 Sinne bestehen: die Trennung zwischen dir und dem Wahrgenommenen.
ICH sehe EINE BLUME, DIE WELT
ICH höre LÄRM, GERÄUSCHE, MUSIK
ICH betaste EINEN STEIN, GRAS, WASSER, ERDE
ICH rieche FRISCHES GRAS, FRÜCHTE, PARFÜM, PUTZMITTEL
ICH schmecke EINEN APFEL, EINE ZITRONE, EIN GLAS WEIN, SCHOKOLADE
Da sind immer immer zwei: Du und das Objekt. Der/die Wahrnehmende und das Wahrgenommene. Unsere Sinne sind wunderbar, sie machen das Leben reich und schön. Was wäre das Leben ohne unsere Sinne? Doch letzten Endes sind sie begrenzt. Farben sind eine Uebersetzung unserer Netzhaut - Tiere sehen Farben möglicherweise anders als wir. Ich weiss nicht mal, ob du dieselbe Farbe siehst und dieselben Töne hörst wie ich. Und da wird immer der Verstand sein, der das Wahrgenommene, wenn nicht bewertet, so doch definiert und damit begrenzt. "Es ist rot". Das bedeutet: "Es ist NICHT grün".
Wenn du die Erscheinungen des Lebens in einem viel grösseren Umfang erleben willst, dann besinne dich auf deine Fähigkeit zu fühlen und fang an, sie wieder zu trainieren. Die Fähigkeit zu fühlen sitzt im Herzen und du fühlst mit deinem ganzen Sein - über deine Atmung. Die Verbindung zwischen dir und dem Wahrgenommenen ist deine Atmung. Wenn du fühlst, ist die Trennung aufgehoben. Du und das Wahrgenommene sind eins. Das ist der Unterschied zwischen Fühlen und der reinen Wahrnehmung über die übrigen Sinne. Es ist ein ganz kleiner, oft fliessender, aber grundlegender Schritt von reiner sinnlicher Wahrnehmung zu Fühlen. Du kannst Musik hören, getrennt von dir - oder sie fühlen. Gilt für alle Sinne. Du kannst alles getrennt von dir wahrnehmen oder damit verschmelzen, indem du es fühlst.
"Shen" ist die chinesische Bezeichnung für "Geist", womit alle Funktionen des Geistes gemeint sind. Denken, aber auch intuitives Wahrnehmen. Während nach westlichem Denkmuster unser Verstand im Kopf wohnt, getrennt von unseren übrigen Funktionen, hat "Shen" - wenngleich den geistigen Fähigkeiten zugeordnet - seine Wohnung im Herzen. Nach chinesischer Vorstellung denken wir mit Herz und Bauch. "Shen" ist nicht gleich das, was wir als "Geist" oder gar "Verstand" bezeichnen. "Shen" ist umfassend. "Shen" besitzt auch die Fähigkeit zu fühlen und zu "wissen" im Sinne von "Weisheit". Wenn du deinem Geist diese Dimension wieder hinzufügen willst, dann lerne wieder zu fühlen.
Wenn du bisher ein bisschen geübt hast, Dinge ohne jeden Kommentar und ohne jede Bewertung wahrzunehmen, ganz neutral, als das, was sie sind, bist du nahe dran: "Es ist ein Baum". "Es ist ein Bach". "Es ist ein Auto, ein Stuhl, eine Katze". "Es ist Max". Neutral, wertschätzend, aber noch getrennt von dir. An diesem Punkt kannst du entscheiden: Entweder du begnügst dich mit der bisherigen Information und der Bach ist einfach ein Bach. Oder du ziehst deine Aufmerksamkeit vom Objekt ab und wendest dich etwas anderem zu. Du weisst jetzt, was es ist und damit hat sich's. Oder aber: du lässt dich ganz auf das Objekt deiner Wahrnehmung ein. Du fühlst diesen Bach. Du wirst eins mit ihm. Zu fühlen heisst, sich einzulassen. Dein Gegenüber zu fühlen heisst Mitgefühl zu empfinden. Fühlen heisst, präsent zu sein. Zu fühlen ermöglicht dir, zu "wissen". Der erfolgreiche Fischer ist wahrscheinlich der, der den Bach fühlt....
Zitat:
"Eine Haltung, die für den Taoismus wie für den Buddhismus charakteristisch ist: Um ein Ding zu erkennen, muss man zu ihm werden. Man muss seine eigene Identität hintanstellen und frei von vorgefassten Meinungen und Erwartungen werden." (Achim Eckert)
Zitat Ende
Wenn du fühlst, bist du gegenwärtig, präsent. Wenn du fühlst, bist du verbunden mit dem Wahrgenommenen und dadurch mit Allem-was-ist. Kompliziert? Ja, wenn wir versuchen, es in Worten auszudrücken. Probier's aus, entdecke selbst, dann wird's einfach. In der Erfahrung liegt die Einfachheit.
Gefühle und Emotionen
Jede Situation, jeder Moment unseres Lebens ist mit einem bestimmten Gefühl verbunden. Hier einige Beispiele:
Aufwachen
Aufstehen
Duschen
Essen
Hund spazieren führen
Joggen
Arbeitsweg
Geschäftsmeeting
Treffen mit Freunden
Mittagessen
Arbeitsschluss
Qi Gong Stunde
... und alles was sonst noch so passiert
Jeder Moment fühlt sich anders an. Und jeder "gleiche" Moment ist Tag für Tag verschieden. Wieviele davon erleben wir eigentlich bewusst und gegenwärtig? Jeder Moment ist mit einem Gefühl verbunden. Gefühle entstehen und Gefühle vergehen wie Wolken, die sich am Himmel bilden und wieder auflösen. Gefühle sind Qi, das sich verdichtet und sich wieder auflöst in reines Potential. Wenn wir Gefühle einfach zulassen, sie kommen und gehen lassen, vergehen sie, so wie sie entstanden sind. Das passiert den ganzen Tag, meist ohne dass wir präsent genug sind, um es mitzukriegen.
Gefühle, die wir negativ oder positiv bewerten, nennen wir Emotionen. Emotionen sind Gefühle, die von unseren eigenen Kommentaren, unseren Vorlieben und Abneigungen gefärbt sind. Lieblingsmomente oder Situationen, die wir gar nicht mögen.
Wir erleben täglich Emotionen. Lassen wir sie zu, auch wenn sie uns nicht so passen und lassen wir sie gehen, auch wenn sie so schön sind, dass wir sie gerne festhalten würden, so werden sie vergehen, wie sie gekommen sind. Emotionen entstehen und vergehen, manche schneller, manche langsamer, wenn wir sie ohne Widerstand fühlen. Letzlich vergehen sie IMMER, denn alles was entsteht, vergeht auch wieder.
Wenn unsere Bewertungen aber besonders stark sind, wenn wir Widerstände aufbauen und diese Situation auf gar keinen Fall erleben und fühlen möchten - obwohl wir schon mitten drin stecken - dann heften wir Klebstoff auf die Emotion und sie wird uns lange erhalten bleiben. Erleben wir etwas besonders Schönes - verliebt sein, viel Geld verdienen, etwas ganz Tolles besitzen, im Erfolg baden - dann möchten wir das Gefühl nicht mehr verlieren und als kleiner Makel sitzt bereits das Samenkorn der Verlustangst in der grossen Freude. Und genau die - die Angst - möchten wir nicht fühlen. Also verleugnen wir sie. Widerstand. Siehe oben: Klebstoff. Auch überschwängliche Freude, Hysterie, ist nichts weiter als Freude, die sich ins Gegenteil, in die Angst vor dem Verlust der Freude, des positiv bewerteten Gefühls, verwandelt hat.
Du siehst, es sind immer unsere Bewertungen, Interpretationen. Unsere subjektive Wahrnehmung.
Gefühle und Emotionen sind Qi, das sich mehr oder weniger verdichtet hat. Und alles lässt sich zurückverwandeln in Qi, in reines Potential - DURCH PRÄSENZ. Zu fühlen heisst, präsent zu sein. Wenn wir Emotionen fühlen, wenn wir präsent sind, verwandeln sie sich früher oder später wieder in neutrales Qi.
Qi = reines Potential = Liebe
Emotionen in der Chinesischen Medizin und Philosophie
Der Traditionellen Chinesischen Medizin liegt die Einteilung nach den 5 Wandlungsphasen (auch 5 Elemente), denen u.a. wiederum die Organe zugeordnet sind, zugrunde. Jede Wandlungsphase erzeugt eine bestimmte Emotion.
Wasser (Nieren, Blase): Angst
Holz (Leber, Gallenblase): Wut, Aerger
Feuer (Herz, Dünndarm): Freude (auch Hysterie)
Erde (Milz, Magen): Kummer
Metall (Lungen, Dickdarm): Trauer
Sind wir fähig, unsere Emotionen in angemessener Weise zu erleben und auszudrücken, ohne dass sie unkontrolliert ausufern, bleiben wir gesund. Sind wir nicht in der Lage, angemessen mit ihnen umzugehen, erzeugen sie Probleme und Krankheiten. Doch wie gehen wir "angemessen" mit ihnen um? Indem wir präsent bleiben und sie fühlen. Indem wir uns mit unseren Emotionen verbinden, dazu werden und erkennen, dass wir sie loslassen können, wann immer wir wollen. Emotionen sind nicht die Sache selbst. Emotionen sind unsere Reaktion darauf - und die wählen wir selbst.
QI GONG
Qi Gong ist eine wundervolle Möglichkeit, das Fühlen wieder zu erlernen. Wenn wir eine neue Uebung lernen, brauchen wir erst mal unseren Verstand und das macht es eher anstrengend. Zumindest bei uns ist das so.
Chinesische Lehrer unterrichteten ohne Worte und Erklärungen - bis sie begannen, hier im Westen zu unterrichten und sich zwangsläufig unseren Forderungen nach verbalen Erklärungen anzupassen. Der chinesische Schüler tat gut daran, die Bewegungen des Lehrers zu fühlen, anstatt sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wenn er die doch ziemlich komplizierten Abläufe des Taiji lernen wollte. Von klein auf an eine ganzheitliche Denkweise gewohnt, gelang ihm das dann wohl recht gut. Zumindest in dem China, das wir uns so vorstellen - einem China, das mit der Realität nicht viel zu tun hat. Auch wenn es das China, das den taoistischen Lehren entsprechen würde, nie gegeben hat, so dienen uns dennoch die grundlegenden Wahrheiten dieser Philosophie.
Doch zurück zu uns. Die Tatsache, dass wir beim Taiji und Qi Gong anfänglich viel denken müssen, führt oft zu Widerständen, die das Ganze nicht einfacher machen. Und wenn die Bewegung endlich sitzt, stellt sich als nächster Widerstand noch die Langeweile ein.... auch nur eine Weigerung, zu fühlen. Wer fühlt, langweilt sich nicht. Doch früher oder später gelingt es uns, uns ganz auf die Bewegungsabläufe einzulassen. Ohne darüber nachzudenken. Dann werden wir eins mit der Bewegung, mit der Atmung und der Geist wird ruhig. Dann fliessen wir mit dem Qi und das Qi mit uns. Das ist Meditation, Präsenz, Sein im jetzigen Augenblick, Verbundenheit mit dem Tao.